Quellenübersicht:
In diesem Dialog wird das Organisationsmodell Potbund vorgestellt, das als emanzipatorisches Ökosystem fungiert, um den typischen Burnout in basisdemokratischen Gruppen zu verhindern. Die zentrale Innovation liegt in der strukturellen Zweiteilung zwischen einem streng regulierten Backend, das durch das „ASitut“ unverhandelbare ethische Schutzwälle gegen informelle Machtkämpfe errichtet, und einem radikal einladenden Frontend für die praktische Arbeit. Anstatt mit einer belastenden Immobilie zu starten, nutzt das Projekt eine modulare, frei skalierbare Architektur, die mit dem „Druckpunkt“ (einem niederschwelligen Stadtteilmagazin) beginnt und durch den „Schwarzen Pott“ (eine scharfe systemische Analyse) ergänzt wird. Dieses Zwiebelprinzip erlaubt es, durch ein einziges Publikationsformat gleichzeitig eine breite Nachbarschaft anzusprechen und durch analytische Schärfe gezielt engagierte Mitstreiter zu filtern, wodurch eine robuste und anpassungsfähige asymmetrische Gegenstruktur im Ruhrgebiet entsteht.

Transcription:
Also, stell dir vor, du mietest ein Raum, ähm du stellst so eine Kaffeemaschine hin, hängst im Viertel ein paar bunt bemalte Flyer auf und denkst dir so, ja, jetzt machen wir hier Basisdemokratie.
Ja, der Klassiker.
Genau, jeder ist willkommen. Wir haben null Hierarchien. Das wird mega. Und na ja, ein halbes Jahr später sitzt du dann da.
Ein halbes Jahr später sitzen da drei völlig erschöpfte Leute im Kreis und ähm diskutieren zwei Stunden erbittert über irgendeinen Putzplan oder?
Exakt das. Der Kaffee ist Die Gründer sind komplett ausgebrannt und von dieser na ja, großen gesellschaftlichen Veränderung ist absolut nichts mehr übrig. Man hasst sich eigentlich nur noch ins Geheim.
Ja, das ist diese absolute klassische Falle. Wer offene Gruppen organisiert, landet halt fast immer in genau dieser ähm strukturellen Verbrennungsmaschine.
Und genau deshalb machen wir heute diesen Deep Dive. Wir wollen diese Dynamik mal komplett sezieren und jeder draußen, der uns jetzt zuhört, einen echten Ausweg aus diesem Dilemma zeigen.
Richtig. Es geht heute mal nicht um dieses romantisierte Wir haben uns alle lieb Plum.
Nee, wir schauen uns dafür ein extrem spezifisches Projekt aus dem Rohgebiet an. Das Ganze nennt sich Potbund und unser Ziel ist es heute, diese innere Mechanik von diesem Vorhaben so glasklar aufzudröseln, dass du am Ende ein ja einen wirklich realistischen Kompass für deine eigenen Projekte hast.
Genau. Wir gehen da heute sehr ruhig und analytisch ran. Es geht quasi um die architektonische Logik in der Zivilgesellschaft. Wir schauen, wie du deine sehr begrenzten Kapazitäten so klug investierst, dass ein System entsteht, das dich am Ende trägt und eben nicht komplett aussaugt.
Also, fangen wir mal direkt beim Fundament an. Ähm, was genau ist Potbund im Kern? Wenn man in die Quellen schaut, sieht man sofort, das ist kein normaler EV, der sich einmal im Monat zum Müllsammeln trifft. Das wird als ähm emanzipatorisch gerahmter Projektzusammenhang beschrieben.
Ja, es klingt erstmal nach einem gewaltigen akademischen Brocken. Ich weiß,
voll, aber was heißt das konkret für die Praxis? Also emanzipatorisch gerahmt bedeutet hier jetzt nicht einfach nur, dass man links oder irgendwie progressiv ist. Es bedeutet, dass das System so gebaut ist, dass es Menschen aktiv von informellen Machtstrukturen befreit.
Ah, okay.
Ja, Potwund ist halt kein einzelnes Event, sondern ein komplett modulares Ökosystem. Das verbindet Dinge wie Begegnung im Stadtraum, Publikation, praktische Mitgestaltung und vor allem Schutz. Und der Geniereich daran ist eigentlich die strukturelle Zweiteilung.
Zweiteilung. Ja, es gibt quasi einen Backend und ein Frontend.
Okay, warte mal, das klingt jetzt krass nach Softwareentwicklung. Also, wenn ich das mal übersetze, das Frontend ist dann das, was der Nutzer sieht, also diese bunte App auf dem Handydisplay und das Backend ist dann so der dunkle Serverraum im Hintergrund, der alles am Laufen hält.
Perfekte Analogie. Absolut. Und dieses Backend bei Potbund ist extrem restriktiv und geschützt. Da liegen nämlich die unverhandelbaren ethischen Leitplanken.
Wer verwaltet die?
Ein sogenanntes ASit. tut. Da herrscht z.B. das Prinzip der absoluten Gewaltfreiheit, auch Ahimsa genannt und es gibt strikte Antidominanzregeln und eben einen extrem festen Schutz vor informeller Gerichtsbarkeit.
Und da muss ich kurz reingrätschen. Informelle Gerichtsbarkeit, das ist so ein Begriff. Äh, was genau bedeutet das im Alltag so einer Gruppe?
Na ja, stell dir einfach eine offene Nachbarschaftsinitiative vor. Jemand tut oder sagt da etwas, das so einer kleinen, aber sehr lauten Kerngruppe irgendwie nicht passt.
Mhm. Kenne ich.
Genau. Und plötzlich gibt es Gerüchte, Getuschel, melden sich so ähm private WhatsApp Untergruppen und die Person wird dann systematisch rausgeekelt, ohne dass es je ein wirklich offenes, faires Gespräch gab.
Ah, Wahnsinn. Ja,
das ist diese informelle Gerichtsbarkeit, das ist dieses toxische Wuchern von unregulierter Macht und das Backend von Potbund ist ein eiserner Schutzwall, der genau das verhindert.
Okay, das heißt also, weil dieses Betriebssystem im Hintergrund so extrem streng reguliert und geschützt ist, kann die Benutzeroberfläche vorne, also das, was auf der Straße im Ruhrgebiet tatsächlich passiert überhaupt erst zu radikal offen und freundlich sein.
Exakt. Du musst ja nicht programmieren können, um die App auf dem Handy zu bedienen und bei Potbund musst du eben keinen speziellen Szenejargon beherrschen oder zu irgendeiner Elite gehören, um im Frontend mitzumachen. Das Backend fängt diese Machtkämpfe ab
und schützt das Projekt davor irgendwie gekappert zu werden, ne?
Ganz genau. Wenn du diesen Schutz nicht hast, wird jedem noch so gut gemeinte offene Gruppe irgendwann von den ähm, sagen wir mal rücksichtslosesten oder lautesten Leuten dominiert.
Okay. Dies Architektonische Trennung leuchtet mir total ein. Aber ähm wenn du jetzt zuhörst und dir denkst, boah, ich soll jetzt ein Backend bauen, ein Frontend pflegen, Hefte machen, den Stadtraum bespielen, das ist doch ein Vollzeitjob für 50 Leute. Wie soll man das denn stemmen?
Und da sind wir beim zweiten ganz großen strategischen Hebel. Das ist die freie Skalierbarkeit,
also das modulare System.
Genau. Potbund ist kein starrer Monolit. Du musst nicht von Tag 1 an das fertige Haus mit Dach und Garten bauen. Das ist wirklich wie so ein Baukasten kon Wie klein kann das sein? Geht das alleine?
Du kannst im Extremfall als eine einzige Person mit nur einem einzigen Modul starten. Absolut.
Aber was passiert, wenn ich dann mal eine stressige Phase im Job habe? Oder ich werde krank, die Energie fehlt einfach. Das ist ja meistens der Moment, wo solche Initiativen sterben. Man sagt, es treffen dreimal ab und alle denken sich ciao, das war's dann wohl mit der Revolution.
Ja, aber genau diesen Druck nimmt das modulare System eben komplett raus. Diese Elastizität ist kein Scheitern, das ist die größte strategische Stärke. Du aktivierst Module, wenn Leute und Energie da sind
und wenn ich?
Dann fährst du sie rigoros wieder zurück, ohne schlechtes Gewissen. Das verhindert nämlich genau diese berüchtigten Zombiepläner.
Zombieplän, das ist ein großartiger Begriff.
Na ja, du kennst das doch. Leute treffen sich am Ende nur noch, um zu beweisen, dass die Gruppe überhaupt noch existiert, obwohl eigentlich absolut niemand mehr Kraft für echte inhaltliche Arbeit hat.
Ja, voll. Man verwaltet nur noch den eigenen Untergang.
Genau. Potbund hing atmet einfach mit den Ressourcen der Macher. Das System passt sich dir an, nicht du dem System.
Das ist psychologisch ein riesiger Unterschied. Also, man scheitert nicht, man skaliert einfach nur temporär runter. Okay, lass uns das mal für unseren Zuhörer durchspielen. Du sagst jetzt vielleicht: "Okay, ich will loslegen, aber meine Batterie ist echt nur so halb voll." Wo fängt man an? Ich meine, der erste Reflex bei fast jedem Projekt ist ja immer,
wir brauchen einen Raum.
Genau. Wir müssen ein Zentrum gründen, ein SKZ, ein soziokulturelles Zentrum. Wir müssen Wände streichen, Palettenmöbel bauen. Und das ist der sicherste Weg in den sofortigen Burnout. Ein eigenes Zentrum, also dieses SKZ, ist bei Potbund ganz klar als ferner Horizont definiert. Das steht ganz am Ende der Entwicklung.
Wirklich ganz am Ende.
Ja, absolut. Weil, überleg mal, Immobilien bedeuten Mietverträge, das bedeutet Brandschutzauflagen, Vereinskonten, Putzpläne. Das frisst deine gesamte kreative Energie in den ersten Monaten komplett auf. Du bist dann nur noch Hausmeister.
Okay, also keine Immobilie, Infrastruktur kommt vor dem Raum. Verstanden. Was ist denn dann der Motor? Wenn wir jetzt wirklich diese Module mal priorisieren, was steht auf Platz 1?
Auf Platz 1 steht ganz klar eine publizische Basis. Das Herzstück nennt sich da Druckpunkt.
Druckpunkt. Okay.
Ja. Ja, das ist ein Startmotor. Wir reden hier von einem kleinen physischen Heft, das im Stadtraum zirkuliert. Zuerst veröffentlichst du etwas und aus dieser Publikation heraus ergeben sich dann ganz natürlich so kleine analoge Treffen.
Ah, verstehe. Das dreht die gewohnte Logik ja komplett um. Erst der Inhalt und die Sichtbarkeit und daraus entsteht dann die Gruppe und nicht erst Leute zusammenrufen und dann ewig rumdiskutieren, was man überhaupt machen will.
Exakt.
Du gibst erst den Impuls.
Was genau leistet denn dieser Druckpunkt? Also, wenn ich mich jetzt morgen an den Schreibtisch setze und dieses erste Heft entwerfe, ähm schreibe ich dann große Manifeste über den globalen Kapitalismus?
Definitiv nicht. Also wirklich nicht. Druckpunkt ist quasi die freundlich ausgestreckte Hand in den Stadtraum. Das Modul muss extrem niedrigschwellig sein. Es darf aber auch auf keinen Fall banal wirken. Es geht um eine ja sehr offene Anschlussfähigkeit.
Hast du da mal ganz konkrete Beispiele? Worüber schreibe ich denn da?
Du fängst mit dem an, was buchstäblich direkt vor deiner Haustür im Ruhrgebiet liegt. Stadtspuren. Also so kleine Alltagsbeobachtungen aus der Nachbarschaft. Du dokumentierst Zwischenräume.
Sowas wie diese brachliegende Ecke hinterm Supermarkt.
Genau. Eine Ecke, die man vielleicht irgendwie nutzen könnte. Und dann machst du kleine sehr konkrete Mitmachaufrufe.
Z.B. Ähm, vielleicht eine kleine Clean-up Aktion am Wochenende für genau einen bestimmten Park oder eine Idee, wie man diese kaputten Bänke auf dem Quartiersplatz reparieren oder verschönern könnte.
Okay, es ist also eher so ein ähm ein sehr liebevoller, aufmerksamer Blick durch das Schlüsselloch des eigenen Viertels. Ich zeige die Risse im Asphalt, aber eben auch die Blume, die da rauswächst.
Das ist ein sehr schönes Bild. Ja, genau, das ist es. Du holst die Leute dort ab, wo sie leben, ohne sie irgendwie ideologisch direkt zu überfahren
und es öffnet dann sofort die Tür für Beteiligung oder
richtig, du kannst Nachbarn einladen, kurze poetische Texte oder kleine Zeichnungen oder auch nur Fotos vom Alltag beizusteuern. Die Tonlage bei Druckpunkt ist einfach warm, einladend und das ist ganz wichtig, völlig frei von irgendeinem Perfektionsdruck.
Okay, das klingt super schön, aber da gehe ich jetzt mal bewusst in die Opposition.
Nur zu,
wenn ich jetzt einen Heft mache, das nur aus so netten Fotos von Blümchen reparierten B und irgendwie Nachbarschaftsliebe besteht, dann baue ich doch letztlich nur einen glorifizierten Schräbergartenverein auf. Wo ist da der emanzipatorische Anspruch? Wenn alles glatt und bunt ist, dann ändert sich doch an den tiefen strukturellen Problemen in der Stadt überhaupt nichts.
Und da sprichst du genau den Wundenpunkt vieler Initiativen an. Und exakt deshalb gibt es bei Potbund diese zweite unverzichtbare Linie, die heißt schwarzer Pot.
Schwarzer Pot. Okay.
Ja, das ist die analytische, wesentlich schärfere und kantigere Schwesterlie mir zu Druckpunkt. Ohne schwarzer Pot würde das Ganze tatsächlich super schnell zu so einer harmlosen, zahnlosen Wohlfühase verkommen.
Was ist der Unterschied?
Das Motto von Schwarzer Pot lautet ganz klar: Unsere Worte sind unsere Waffen.
Warte, stopp, stopp. Du hast vorhin gesagt, das Eisitut in Backend pocht auf absolute Gewaltfreiheit. Ahimsa hast du das genannt. Und jetzt lautet das Motto: "Uns Worte sind unsere Waffen." Ähm, wie passt das denn zusammen? Das ist doch ein kompletter Widerspruch. Nein, das ist es eben nicht, wenn man es richtig versteht. Es ist eine rein analytische Schärfe. Es geht dabei ausdrücklich überhaupt nicht um physische Militanz oder um persönliche Aggression gegen Individuen. Das wäre ein sofortiger Verstoß gegen das Backend,
okay? Sondern
Worte können als extrem präzise Skalpelle eingesetzt werden, um systemische Konflikte zu sezieren. Schwarzer Pott ist für die harte analytische Gegenöffentlichkeit da.
Ah, also Kritik an Strukturen, nicht an Personen.
Ganz genau.
Was wären denn dann die Themen für für diese harte Linie. Was steht im Schwarzer Pot?
Hier gehst du wirklich an die strukturellen Probleme. Du benennst z.B. stadpolitische Lehrstellen ganz präzise. Du analysierst lokale Machtstrukturen oder du schreibst über das, was wir vorhin hatten, nämlich über diese toxische Zivilgesellschaft,
also über diese WhatsAppgruppen, die Leute rausekeln,
ja, über informelle Dominanz in Vereinen oder über diese krassen lokalen Widersprüche zwischen so einem Hochglanzstadtmarketing auf der einen Seite und der echten Realität in den benachteiligten Eln auf der anderen.
Okay, das ist inhaltlich stark, aber wenn ich mir das jetzt praktisch vorstelle, ich verteile so einen harten, analytischen, vielleicht auch konfrontativen Text in meinem kleinen netten Nachbarschaftsheft, schreckt das dann nicht unheimlich viele Leute sofort wieder ab? Die wollten doch eigentlich echt nur beim Cleanup mitmachen und Müll sammeln.
Ja, und das ist psychologisch und strategisch ganz genauso gewollt.
Echt jetzt?
Ja, das nennt sich das Leuchtturmprinzip,
also quasi ein Filter,
ein absolut notwendiger Filter. Diese analytische Schärfe sortiert völlig automatisch all jene aus, die bei der allerersten echten Meinungsverschiedenheit oder bei harter strukturelle Arbeit sofort das Handtuch werfen würden.
Ah wow.
Leute, die nur ungestörte Harmonie und bequemen Konsum suchen, die schreckt das ab. Aber und das ist der geniale Trick daran, es zieht wie ein Magnet genau die Leute an, die wirklich das intellektuelle Rüstzeug und den tiefen Willen haben, echte Veränderungen anzustoßen. Du rekrutierst also selektiv durch den Anspruch selbst.
Exakt.
Okay. Das ist raffiniert. Man fischt also nicht einfach mit so einem riesigen breiten Netz und hofft, dass alle sich vertragen, sondern man sortiert direkt an der Eingangstür. Lass uns da mal auf die visuelle Ebene schauen. Wenn du jetzt zuhörst und dieses Heft gestaltest, wie sieht diese inhaltliche Trennung optisch aus?
Der visuelle Kontrast muss diese inhaltliche Trennung wirklich exakt spiegeln. Also für die freundliche Druckpunktlinie nutzt du sehr weiche nahbare Formen. Bunte Illustrationen. Potbund arbeitet da z.B. gerne mit so einem Eichhörnchenlogo.
Okay. Sehr zugänglich.
Genau. Du nimmst fotografische Motive vom Viertel, schöne Collagen aus Text und Bild. Es soll am Ende wirken wie so ein ganz hochwertiges, handgemachtes, liebevolles Fundstück.
Und für schwarzer Pott, wenn das die scharfe Linie ist,
da brauchst du einen radikalen Bruch. Schwarzer Pott orientiert sich visuell an der ganz rauen Flugblattkultur. Das heißt, reine schwarz-weiß Ästhetik. Stell dir da so Linolschnitte vor, Holzschnittoptik, sehr harte klare Typografie, auch Elemente aus der Mailart,
also keine soften Instagram Filter,
absolut keine weichen Übergänger. Du druckst dort dann diese analytischen Kurztexte, vielleicht knappe Manifestfragmente oder eben präzise Fallskitzen von lokalen Machtmissbräuchen.
Okay, aber jetzt stehe ich vor einem ganz großen praktischen Problem. Also wirklich, ich bin, sagen wir mal, eine Einzelperson oder eine ganz kleine Gruppe. Ich soll jetzt eine super freundliches Buntmagazin machen, den Druckpunkt und gleichzeitig ein hartes Schwarz-weiß Flugblatt, den Schwarzerpott. Ich muss also zwei völlig verschiedene Publikationen aufbauen, bezahlen und verteilen. Da brenne ich ja sofort wieder aus.
Nein, nein, das wäre ein totaler Fehler in der Umsetzung. Die Lösung gerade für die allererste Ausgabe, also die sogenannte Nollnummer, ist unfassbar elegant. Es ist das Zwiebelprinzip.
Das Zwiebelprinzip Okay, nehme ich da mal mit.
Du machst eben nicht zwei verschiedene Publikationen. Du machst ein einziges kleines A5 Heft.
Okay, ich habe dieses Heft jetzt in der Hand. Was sehe ich genau?
Das Cover und die äußeren Schichten von diesem Heft sind komplett im Druckpunktmodus. Du nennst es z.B. Stadtspurenheft null. Das Cover ist total freundlich, lokal verankert.
Mhm.
Und auf den ersten Seiten gibt es dann drei ganz einfache Rubriken. Ein warmes Hallo, dass die Idee kurz erklärt, dann vielleicht eine visuelle Doppelseite mit ein paar schönen Alltagsfotos aus dem Viertel und danach direkt ein ganz kleiner super konkreter Mitmachaufruf.
Alles sehr bekömmlich, sehr nett und einladend.
Genau, das ist die äußere Schale der Zwiebel.
Und wo ist jetzt die Schärfe? Wo ist schwarzer Pott?
Na, in der Mitzug HFES. Da legst du einfach ein gefaltetes, sehr raues schwarz-weiß Flugblatt ein. Das ist dann die Schwarzer Pottbeilage. Und genau auf dieser Beilage steht dann dieser Scha analytische Text, z.B. eine harte Kritik darüber, wie Stadtentwicklung im Ruhrgebiet oft an den echten Bedürfnissen der Leute vorbeigeht.
E, das ist ja mega klug, denn überlegt mal, wenn jetzt jemand dieses Heft auf der Straße findet oder beim Bäcker mitnimmt und eigentlich nur ein paar schöne Bilder vom Viertel sehen will, dann blättert der durch, freut sich total über das Eichhörnchen und ignoriert diesen rauen Zettel in der Mitte einfach. Er fühlt sich nicht attackiert.
Richtig, der legt das Flugblatt zur Seite und behält das nette Heft, aber derjenige, der das liest und sich denkt, Na ja, nette Bilder, aber was ist denn eigentlich die Substanz dahinter? Der findet im Inneren genau diesen intellektuellen harten Kern.
Wahnsinn. Du sendest also mit einem einzigen Produkt auf zwei völlig unterschiedlichen Frequenzen gleichzeitig.
Exakt. Du testest im Stadtraum ab, wer eigentlich auf was reagiert, ohne dich selbst organisatorisch zu zerreißen. Das nennt man dann asymmetrische Gegenstruktur.
Asymmetrische Gegenstruktur, das ist auch so ein Begriff. Erklär dir mal ganz kurz, bevor wir den einfach so im Raum stehen lassen.
Das bedeutet eigentlich nur, dass du dich nicht auf diese super schweren bürokratischen Mechanismen der Mehrheitsgesellschaft einlässt. Du gründest eben keine riesige schwerfällige Institution oder einen riesigen Verein, um gegen etwas vorzugehen,
sondern
du agierst leicht, du agierst modular und extrem zielgerichtet. Du baust dir eine kleine feine Struktur auf, die genau da ansetzt, wo die ekablierten Systeme Lücken haben. Und du machst das mit minimalen Mitteln, wie eben diesem simplen Zwiebelheft, die aber eine maximale Sortierwirkung erzählen.
Okay, das fasst diese ganze innere Mechanik wirklich fantastisch zusammen. Wenn wir das jetzt mal alles für dich bündeln, wenn du jetzt zuhörst, das modulare System von Potbund ist quasi dein Freifahrtschein aus dem ewigen Perfektionismus.
Definitiv.
Du musst am Anfang keine teure Immobilie mieten. Lass das SKZ erstmal weg. Du fängst einfach nur publizisch an. Und dieses geniale Zwiebelheft, also außen einladend als Druckpunkt, innen scharf und analytisch als schwarzer Pot, das ist dein Kompass. Damit findest du genau direk Mitstreuter im Ruhrgebiet
und gleichzeitig verhindert dein stricktes Backend im Hintergrund, dass irgendwelche toxischen Dynamiken oder lauten Minderheiten dein Projekt direkt wieder übernehmen.
Genau. Und weißt du, wenn wir jetzt noch einen kleinen Schritt zurücktreten und uns das große Ganze anschauen, dann führt uns das eigentlich zu einem echten Paradox anon, zu einem Gedanken, der dem, was wir normalerweise über zivilgesellschaftliches Engagement denken, total widerspricht.
Welchen Gedanken meinst du?
Na ja, wir glauben doch eigentlich immer, Inklusion bedeutet, wir müssen einfach alle Türen sperrangelweit aufmachen. Es darf gar keine Regeln geben. Alle dürfen alles.
Ja, das ist der typische Fehler.
Aber dieses System hier, diese Quellen, die wir heute analysiert haben, die zeigen etwas ganz anderes. Wirkliche dauerhafte Offenheit und Inklusion im Frontend. Die braucht paradoxerweise exklusive, völlig unverhandelbare Grenzen im Backend.
Absolut. Wenn du keine knallharte rote Linie hast, die deine Gruppe riguros vom Machtspielen und so einer informellen Unterwanderung schützt, dann wird jedes noch so offene System irgendwann von denen zerstört, die einfach die meiste Dominanz ausüben wollen. Wahre Offenheit braucht eiserne Wächter im Hintergrund.
Ja,
das ist keine abstrakte Philosophie, das ist nackte institutionelle Mechanik. Denk da mal in Ruhe drüber nach, gerade wenn du jetzt vielleicht auf eigene Projekte zurückblicst, die du in der Vergangenheit mega frustriert verlassen hast, meistens lag das gar nicht an den Zielen eurer Gruppe, sondern einfach am fehlenden Backend.
So ist es. Aber du hast jetzt den Bauplan, um es beim nächsten Mal einfach anders zu machen. Kein kalter Kaffee mehr, keine sinnlosen Pläner, die bis nachts um 3 Uhr gehen.
Ganz genau. Das geduldige Papier liegt quasi vor dir auf dem Schreibtisch. Fang klein an, fang mit der Nullnummer an, probier dieses Zwiebelprinzip aus, mach was draus. Vielen Dank, dass du heute bei diesem Deep Dive dabei warst.
Hat großen Spaß gemacht. Danke. 